© Li Peizhi, Präsident Chinesischer Chorverband
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"Neue Wege des Singens werden Teil unserer zukünftigen Entwicklung"

Interview mit LI Peizhi, Präsident des Chinesischen Chorverbandes

China war als erstes Land der Welt von der aktuellen Covid-19-Pandemie betroffen. Diese wirkte sich wie überall nicht zuletzt auf das Chinesische Chorwesen auf. Der Präsident des Chinesischen Chorverbandes, Li Peizhi äußert sich im Interview mit INTERKULTUR zur Lage der Chöre in China und der Zukunft der chinesischen Chöre nach der Pandemie. 

1. Welche Auswirkungen hatte der plötzliche Ausbruch der Pandemie Anfang 2020 für den Chinesischen Chorverband?

Der Ausbruch von COVID-19 im Jahr 2020 hat der Menschheit verheerende Schäden zugefügt und das Leben von Menschen auf der ganzen Welt stark beeinträchtigt. Die Pandemie hat große Beeinträchtigungen für das normale Leben der Menschen in China und weltweit mit sich gebracht - wie ein Zug, der unvermittelt zum Stehen kommt. Diese Auswirkungen haben enorme Schwierigkeiten verursacht, nicht nur für das tägliche Leben der Menschen, sondern auch in ganz bestimmten Bereichen, in unserem Fall für die Chorgemeinschaft und unser Chorleben. Um das Leben und die Gesundheit der Menschen zu gewährleisten, wurden viele Aktivitäten ausgesetzt, und große Chorveranstaltungen mussten verschoben werden. Nichtsdestotrotz sind wir sehr zuversichtlich, die Pandemie zu besiegen. Wir werden uns die bisherigen Erfahrungen zunutze machen und moderne wissenschaftliche Methoden anwenden, um die Pandemie zu überwinden, und uns bemühen, diese Schattenseiten abzuschütteln und die Normalität wiederherzustellen. Obwohl die Choraktivitäten in China eine plötzliche Unterbrechung erfahren haben, glaube ich, dass wir, wenn alles vorbei ist, wieder unterwegs sein werden in eine strahlende Zukunft, und die Entwicklung der Chorkunst wieder eine umfassende Perspektive haben wird.

2. Welche Art von Choraktivitäten waren ursprünglich für dieses Jahr in China geplant? Welche Vereinbarungen gibt es für die Zeit nach der Pandemie?

Der Chinesische Chorverband begann mit der Planung Ende letzten Jahres, und bis Anfang 2020 hatten wir die Jahresplanung und den Zeitplan für das gesamte Jahr ausgearbeitet. Ähnlich wie in den vergangenen Jahren wurden etwa 20 Veranstaltungen vorbereitet - auf nationaler Ebene und in Zusammenarbeit mit der Regionalverwaltung und den Chororganisationen. Alle Veranstaltungen wurden aufgrund der Pandemie ausgesetzt: Das International China Chorus Festival, internationale Chorfestivals in Shenyang und Zhongshan, das Chinesische Folklorefestival, die 2. Konferenz der Vereinigung chinesischer Chorleiter, Voice of Beijing, das Yellow River Cantata Art Festival, das Nie Er Choral Art Festival, Austauschprogramme im In- und Ausland sowie die Zusammenarbeit mit den regionalen Verwaltungen. Die Aussetzung aller oben genannten Veranstaltungen hat uns enorm getroffen. Einige der Aktivitäten können nach der Pandemie wieder aufgenommen werden, während andere auf das nächste oder übernächste Jahr oder sogar um zwei Jahre verschoben werden müssen. Dies hängt davon ab, wie sich die Pandemie entwickelt und was die übergeordneten politischen Richtlinien vorgeben.

3.  Stand heute, Juli 2020: Die Pandemie besteht seit fast 6 Monaten, was hat der Chinesische Chorverband in Bezug auf Choraktivitäten unternommen?

Vor dem Hintergrund der durch die Pandemie beeinflussten Rahmenbedingungen hat der chinesische Chorverband in den vergangenen 6 Monaten versucht, bestehende Online-Aktivitäten durch ihre Reichweite zu unterstützen, wie z.B. die Durchführung von Online-Workshops, virtuelle Chöre und den Austausch elementarer Chormaterialien. Diese Aktivitäten entsprechen den Auflagen, da sie keinen direkten Kontakt untereinander beinhalten. Während der Pandemie ist die Aussetzung von Großveranstaltungen in der Tat eine Möglichkeit, den Kampf gegen das Virus zu unterstützen.

4. Seit dem Ausbruch der Pandemie gab es zahlreiche virtuelle Chöre, die Lieder über die Bekämpfung der Pandemie geschaffen haben. Welche davon sind am eindrucksvollsten und was sind ihre Merkmale?

In der Tat gab es eine Vielzahl von Chorwerken, die den Kampf gegen die Pandemie in China und in der Welt thematisierten. Ich denke, dass die Menschen und vor allem Musiker ihre Fähigkeit und Energie nutzen, um ihre Emotionen und ihre Gedanken auszudrücken und zu übermitteln. Es gibt zweifellos erfolgreiche Projekte, und wir alle waren tief beeindruckt. Doch aufgrund der Einschränkungen und Auflagen für  die Aufnahmen konnten einige ihre ursprünglichen Ideen nicht vollständig umsetzen. Dennoch sind alle Projekte wundervoll, denn die Botschaft, die sie aussenden, ist durchweg positiv und hat den Menschen die große Kraft der Musik vor Augen geführt.

5. Virtuelle Chöre und Online-Kurse sind in der aktuellen besonderen Situation zu einem neuen und beliebten Werkzeug geworden. Welchen Einfluss wird dies auf die Entwicklung der Chorkultur haben? Werden diese Entwicklungen auch in Zukunft als Normalität fortbestehen?

Diese neuen Formen des Gesangs und der Online-Vorträge sind derzeit in der ganzen Welt sehr populär. Ich persönlich denke, dass dies eine besondere Gegenmaßnahme in einer besonderen Zeit ist, um den starken Wunsch nach Gesang zu stillen. Chorgesang ist eine fantastische Möglichkeit für Menschen, Emotionen zu kommunizieren, was jedoch Kontakt und Zeit zum Einstudieren erfordert. Deshalb müssen wir unbedingt die künstlerische Auseinandersetzung erleben, die in tatsächlichen Proben entsteht, um die ganze Schönheit und den Charme der Chorkunst zu entfalten. Der Reiz des Chorgesangs liegt in seiner Dynamik, eine schöne und harmonische Wirkung zu erzielen. Ich bin sicher, dass jeder es kaum erwarten kann, das Chorsingen wieder wie früher zu erleben, die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, emotionale Begegnungen, Freund*innen und Kolleg*innen im selben Raum für Proben und Aufführungen zu haben. Abgesehen von der Normalität, die wir alle kennen, würde ich sagen, dass die neuen Wege des Singens und Probens wahrscheinlich immer noch eine gewisse Rolle in unserer zukünftigen Entwicklung spielen werden.

6. Die Pandemie wurde in China wirksam bekämpft, ist aber in anderen Teilen der Welt nach wie vor gravierend. Was sollten Chöre bei der Teilnahme an solchen Choraktivitäten beachten?

Wenn wir, wie Sie sagten, über die gegenwärtige Situation in China sprechen, müssen wir, auch wenn die Pandemie auf einem bestimmten Niveau eingedämmt wurde, Vorsicht walten lassen bei dem, was wir tun. Zweifellos bilden sich bei den Proben durch Aerosole Tröpfchen, und es ist nicht ohne weiteres möglich, einen großen Abstand zwischen den einzelnen Sängern einzuhalten. Wir müssen verstehen und akzeptieren, dass die Gesundheit und Sicherheit aller Menschen an erster Stelle stehen sollte, egal was passiert. Deshalb würde ich den Chorleitern und Dirigenten empfehlen, die Proben nicht wieder aufzunehmen, bis die Situation in ihrer Region vollständig unter Kontrolle ist. Sie sollten in der Zwischenzeit versuchen, die Sängerinnen und Sänger durch Online-Materialien zu aktivieren, und sich große Konzerte online anhören. Gesundheit und Sicherheit der Menschen haben Vorrang vor allem anderen.

7. Die Pandemie bringt die Welt nach wie vor in eine schwierige Lage. Welche Vorhersagen würden Sie treffen und unter welchen Umständen könnte der internationale Choraustausch normal verlaufen?

Ich stimme zu und unterstütze die Entscheidung, die INTERKULTUR bezüglich der World Choir Games getroffen hat. Zumindest wird es erst im nächsten Jahr wieder internationale Großveranstaltungen geben. Nach der Analyse von Medizinern wird dies ein "langwieriger Krieg" sein. Wir werden solche Großveranstaltungen nur dann in Betracht ziehen und wieder aufnehmen, wenn die allgemeine Sicherheitsvorkehrungen und gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen gewährleistet sind.

8. Was können Ihrer Meinung nach chinesische Chöre unter den gegenwärtigen Umständen tun?

Ich denke, es ist eine großartige Zeit für chinesische Sängerinnen und Sänger und Dirigent*innen, die Zeit zum Lernen und zur Erholung zu nutzen. Sie werden große Fortschritte sehen, wenn sie auf die Entwicklung des Chinesischen Choverbandes in den letzten 30 Jahren zurückblicken, und dennoch gibt es eine ganze Reihe grundlegender Probleme und Schwierigkeiten, die gelöst werden müssen. Deshalb würde ich Sängerinnen, Sängern und Dirigent*innen empfehlen, sich Zeit zu nehmen, um ihre Schwachstellen zu erkennen und zu trainieren. Sie können online und in kleinen Gruppen lesen, zuhören und lernen, und grundlegende Fertigkeiten in der Musikkultur und im Notenlesen erweitern. Dies wird einen gewaltigen Unterschied machen, wenn sie nach dem Ende der Pandemie wieder zur Probe kommen. Auch wenn die Pandemie schwerwiegend ist und immer wieder aufzutreten scheint, wird sie doch zu Ende gehen, während die Chorkunst weiter voranschreiten wird und dafür stets eine solide Grundlage benötigt wird.

9. Welche Veränderungen wird die Chorwelt angesichts der rasanten Entwicklung des 5G-Netzes und des Internets, das alles miteinander verbindet, Ihrer Meinung nach erfahren? Wie sollten wir darauf reagieren?

Sicherlich übt die rasante Entwicklung des 5G-Netzes, der Boom des Internets und die weltweite Vernetzung eine große Anziehungskraft aus. Wie ich bereits erwähnt habe, liegt der Reiz der Chorkunst im kulturellen Erbe, der zwischenmenschlichen Kommunikation und dem emotionalen Zusammenspiel. Diese können nur während einer realen Probe oder Aufführung vollständig entstehen. Daran wird sich nichts ändern. Wir erwarten, dass wir unserem Chorleben durch die Nutzung der neuen und populären Möglichkeiten des Internets zusätzliche Akzente verleihen und vielleicht bestimmte Aspekte erzielen, die nur auf diese Weise erreicht werden können. Was die Menschen anstreben, ist der echte künstlerische Genuss während der Proben und Aufführungen, und das kann in der Tat mit einer gewissen Unterstützung durch die neuen Technologien als Hilfsmittel gut ausgeglichen werden.

10. Haben Sie Zuversicht und Hoffnung für die Zukunft des Chorgesangs?

Wir haben uneingeschränktes Vertrauen und Hoffnung. Die Geschichte der Chorkunst besteht seit fast tausend Jahren und hat sich in den letzten Jahrzehnten auch in China stark weiterentwickelt. Ihr künstlerischer Charme und ihr humanistischer Wert sind unersetzlich. Obwohl die gegenwärtige Pandemie Hindernisse auf unseren Weg gelegt hat, ist dies nur ein kurzer Moment im langen Verlauf der Menschheitsgeschichte. Ich glaube, der Baum der Kunst ist immergrün und die Chorkunst ist unvergänglich. Wir als geeinte Welt werden die Schwierigkeiten sicherlich überwinden, und bald werden wir in der Lage sein, die Chorszene über Landesgrenzen hinaus zu tragen und dafür zu sorgen, dass die Welt unsere Stimmen hört. Ich glaube, dass der Chorgesang eine wesentlich bessere Kommunikation und Entwicklung auf der ganzen Welt erfahren wird, wenn wir gemeinsam singen, um Menschen auf der ganzen Welt zusammenzubringen.

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