© Tim Sharp, USA
Internationale Chorszene

 “Wir werden gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen”

Interview mit Tim Sharp, Geschäftsführer der ACDA/Mitglied im World Choir Council

Die Corona-Pandemie hält die Welt nun schon seit Monaten in Atem und hat zu einem Stillstand im öffentlichen Leben geführt. Tausende von Menschen haben sich bereits mit Covid-19 infiziert. Unter ihnen sind auch unser Kollege und langjähriger Freund Tim Sharp, Mitglied des World Choir Council und geschäftsführender Direktor der ACDA, und seine Frau Jane. Sharp kennt die durch die Krise bedingten Einschränkungen des Chorlebens nur zu gut. In einem Interview mit INTERKULTUR schildert er seine Erfahrungen mit der aktuellen Situation sowie seine Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft der Chormusik.

Vor einigen Wochen haben Sie auf Facebook einen Beitrag über Ihren persönlichen Kampf gegen Covid-19 veröffentlicht, der internationale Aufmerksamkeit erfuhr. Also, zunächst einmal: Wie geht es Ihnen heute? Wie geht es Ihrer Familie?

Vielen Dank für die freundliche Nachfrage. Meine Frau Jane und ich hatten beide Covid-19. Sie musste 10 Tage lang im Krankenhaus verbringen, während ich selbst nicht so krank war, um stationär aufgenommen zu werden. Jane zog sich eine Lungenentzündung zu, musste aber nicht an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. Meine Symptome waren die gleichen wie ihre: Fieber, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, trockener Husten und der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns.

Ich bin froh und dankbar, heute sagen zu können, dass wir uns beide von dem Virus erholt haben, und dass es uns jetzt viel besser geht. Wir wissen aus erster Hand, wie ernst und schmerzhaft dieses Virus für unsere Gesundheit sein kann, und wir haben große Hochachtung vor der Betreuung durch Ärzte, Krankenschwestern und andere Pflegekräfte. Wir haben viel darüber gelernt, wie man Kontrolle an andere abgibt und wie wir unseren Teil dazu beitragen können, dass andere sich erholen. Wir sind beide positiv auf Antikörper getestet worden, und wir hoffen nun, dass unsere Antikörper in der Forschungsarbeit zur Bekämpfung dieser Pandemie eingesetzt werden können.

Die derzeitige, durch die Pandemie verursachte Krise und die damit verbundenen Einschränkungen betreffen alle Bereiche unseres Lebens. Inwiefern ist die ACDA als Organisation davon betroffen? Welche Schwierigkeiten, aber vielleicht auch Chancen ergeben sich daraus?

Ich habe kürzlich in der Washington Post über dieses Thema geschrieben. Am unmittelbarsten sind die logistischen Herausforderungen. Chormusik ist per Definition eine Gruppenaktivität. Doch nachdem sich eine Chorprobe im Bundesstaat Washington (USA) als ein Ereignis herausgestellte, bei dem sich die Viren massiv verbreiteten, und die Gottesdienste auf Anordnung der Regierung eingestellt wurden, ist die Gemeinschaft, die die Chöre fördert, unerreichbar geworden.

Es ist nicht klar, wann wir wieder zusammenkommen können. In meiner Eigenschaft als Direktor der American Choral Directors Association habe ich kürzlich ein Webinar dazu moderiert, was uns die Wissenschaft über die Zukunft des Singens sagt: Die medizinischen Experten, mit denen wir sprachen, erklärten, dass beim Sprechen und Singen Aerosole entstehen, die das Virus verbreiten und die von Masken nicht vollständig abgefangen werden können.

Die Leiter und Sänger der Chorgemeinschaft reagierten auf diese Enthüllungen sehr emotional und mit einem großen Gefühl des Verlusts. Doch selbst jetzt haben wir noch von den individuellen Ansichten der anderen lernen können.

Wir haben mit einer Softwarefirma an der Entwicklung eines Programms gearbeitet, das es Sänger*innen ermöglicht, ihren Teil einer Chorpartitur in ihren Computer oder ihr Telefon zu singen; die Software bewertet, ob sie in der richtigen Tonhöhe und im richtigen Rhythmus singen oder nicht. Als Chorleiter*innen können wir ihre Fortschritte beurteilen und direkt die Stellen ansprechen, an denen sie Hilfe benötigen. Wir entwickeln auch "virtuelle Chöre", in denen einzelne Sänger*innen ihren Part in einem Video aufnehmen und die Chorleiter*innen diese Dateien zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Das Ergebnis ist zwar kein Ersatz für echte Chöre, aber diese Programme ermöglichen es uns, jeden Sänger und jede Sängerin einzeln zu hören und sie darin zu schulen, wie sie sich in die gesamte Darbietung einfügen, auch wenn sie ihre Mitsänger*innen nicht hören können.

Aber vor uns liegt eine weitaus emotionalere Frage: Wie können wir in Zeiten wie diesen den nötigen Elan zum Singen finden?

In den vergangenen 12 Jahren war ich Zeuge des stetigen Wachstums des Chorgesangs in den Vereinigten Staaten, und zwar nicht nur in unserem Bildungssystem, sondern auch im Hinblick auf Flüchtlingschöre, Obdachlosenchöre, Hospizchöre, Gefängnischöre, Alzheimer-Chöre und eine Vielzahl anderer ungewöhnlicher Chöre. Ihr Beispiel erinnert mich daran, dass Singen nicht nur dem Zuhörer, sondern auch den einzelnen Sänger*innen etwas gibt. Singen verlangt von uns, unseren Körper zu gebrauchen, und verbindet uns direkt mit unserem Gefühlsleben. Jeder einzelne Aspekt des Gesangsprozesses ist körperlich. Und, während die Erfahrung des Singens höchst individuell ist, verbindet und harmonisiert der Chorgesang diese individuellen Klänge zu einer Gemeinschaft.

Nächsten März wird die nationale ACDA-Konferenz in Dallas (Texas) stattfinden. Wer kann an der Konferenz teilnehmen?

Wir planen gerade unsere nationale Konferenz, und wir sind sehr gespannt auf diese Veranstaltung, die alle zwei Jahre stattfindet. Unsere ACDA-Nationalkonferenz wird im März 2021 in Dallas, Texas, einer fantastischen Kulturmetropole im amerikanischen Südwesten, stattfinden. Das Datum der Konferenz ist der 16. bis 20. März 2021, und Dr. Andre Thomas ist der Vorsitzende unseres Planungskomitees für diese Veranstaltung. Wir werden über fünfzig Chöre aus den USA in allen Kategorien der Chormusik präsentieren: Kinder, Jugendliche, College und Universität, Gemeinde und mehr. Wir heißen Teilnehmer*innen aus den Vereinigten Staaten und Gäste aus der ganzen Welt zu unseren Konferenzen willkommen. Die Registrierung für die Konferenz beginnt im Oktober dieses Jahres unter: www.acda.org.

Was sind die Hauptthemen im Jahr 2021? Können Sie bereits einige besondere Höhepunkte verraten?

Wir werden auf dieser Konferenz die chorale Vielfalt feiern, und wir werden Gastchöre aus Kuba, Taiwan, und anderen Ländern weltweit willkommen heißen. Da Covid-19 einen derart verheerenden Einfluss auf unsere Gemeinwesen und die Wirtschaft hatte, werden wir uns natürlich auch dem Thema der Sinnfindung und Bedeutung in Bezug auf die Chorkunst im Zeitalter der Pandemie widmen. Vor allem aber werden wir durch unsere Auftritte und dem gemeinsamen Einsatz unserer Kräfte den menschlichen Chorgesang feiern.

Wird es aufgrund der aktuellen Pandemie Änderungen in Bezug auf die Themen oder die Organisation der Konferenz geben?

Gegenwärtig plane ich verschiedene Möglichkeiten ein. Unsere größte Hoffnung ist, dass wir die Konferenz so anbieten können, wie sie konzipiert wurde. Aber natürlich werde ich mit unserem Komitee und unseren Mitarbeiter*innen bei ACDA an anderen Optionen arbeiten, wenn wir feststellen, dass wir Anpassungen vornehmen müssen. Ich werde nächste Woche nach Dallas fahren, um nach weiteren Möglichkeiten für die Präsentation unserer Konferenz zu suchen, falls es notwendig sein sollte, Änderungen durchzuführen. Wir prüfen natürlich, wie wir virtuelle Präsentationen anbieten können, aber ehrlich gesagt hatten wir bereits Überlegungen darüber angestellt, wie wir einige unserer Programme online präsentieren könnten. Die gegenwärtige Situation gab mir einfach noch mehr Gründe, mich eingehender mit virtuellen Präsentationen auseinanderzusetzen. Wir alle beten, dass wir Wege finden werden, gemeinsam zu arbeiten, während wir weiterhin nach einem Impfstoff und anderen Behandlungsmethoden suchen, die die Risiken eines Zusammenkommens von Menschen minimieren können. Diese Hoffnung teilen wir derzeit mit der ganzen Menschheit.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen der aktuellen Krise auf die nationale Chorszene in den USA ein? Werden digitale Angebote und Technologien für die Chorarbeit zunehmend attraktiver oder sind sie eher ein momentanes Mittel zum Zweck?

Die Auswirkungen sind für jeden von uns in der Chorwelt schlichtweg verheerend und die USA sind ebenso erschüttert wie andere Länder. Wir sehen große Hoffnung bei unseren Mitgliedern und untereinander, wenn wir neue Online-Werkzeuge für das Proben, für das Gehörtraining, für das gemeinsame Online-Singen und für die Kommunikation schaffen. Wir hoffen, diese Instrumente auch dann nutzen zu können, wenn wir wieder gemeinsam singen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen werden, und wir werden auch gelernt haben, wie man mit neuen Hilfsmitteln unterrichtet und kommuniziert, die für die Ausbildung, Aufführung, Komposition und Interessenvertretung im Bereich der Chormusik geeignet sind. Ich bin so stolz auf die Widerstandskraft der Chorgemeinschaft und auf ihr gegenseitiges Einfühlungsvermögen sowie stolz auf die Sängerinnen und Sänger, mit denen wir die Freude haben, zu arbeiten.

ACDA-Konferenz 2021
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