Aarne Saluveer © Stanislav Moškov
Welt der Stimmen

"Der Frühling kam anders"

Interview mit Chorleiter Aarne Saluveer (Estland)

Vor genau einem Jahr, am 17. Mai 2020, verblüffte Estland die Welt mit der größten Live-Performance eines virtuellen Chores auf dem Gelände des Tallinn Song Festivals. Wir haben mit Aarne Saluveer, Dirigent, Produzent, Pädagoge und Vertreter Estlands im World Choir Council, ein Interview zu diesem Großereignis geführt.

von Franziska Hellwig

Im Jahr 2020 hielt die Corona-Krise die Welt in Atem und traf vor allem die Chorwelt hart. Kollektives Singen, Konzerte und Chorproben wurden vielerorts eingeschränkt und zeitweise verboten. All dies stellte die Chöre dieser Welt vor noch nie dagewesene Herausforderungen und zwang Chorleiter*innen und Sänger*innen, kreativ zu werden. Estland ist eine singende Nation und die Chöre hier wurden von der Corona-Krise im vergangenen Jahr ebenfalls hart getroffen, gehörten aber auch zu den ersten, die kreative Wege aus der Krise fanden:

Ein spektakuläres Konzert am 17. Mai 2020 brachte unter dem Titel "Der Frühling kam anders" 2.500 Chorsänger*innen unter dem Laulukaar (dem Bogen des Song Festival Geländes) in der estnischen Hauptstadt Tallinn zusammen. Auch estnische Chorsänger*innen aus dem Ausland nahmen virtuell an dem Konzert teil. Der Chor unter der Leitung von Aarne Saluveer war auf den Bildschirmen von fast 1.000 Tablet-Computern zu sehen, und mehr als 200.000 Menschen verfolgten die Live-Übertragung von zu Hause aus.

Im Interview spricht Aarne Saluveer mit uns über die Idee und Umsetzung dieses faszinierenden Großprojekts und die schwierige Situation im vergangenen Jahr in seinem Heimatland Estland sowie über die Zukunft der Chorszene.

Estland ist ein Land mit einer reichen Chorkultur. Die Einschränkungen durch die Pandemie haben Ihr Land und Ihre Chöre hart getroffen. Wie geht es Ihrer Chorszene jetzt? Wie haben Sie das vergangene Jahr erlebt?

Es gibt verschiedene Arten von Wundern. Eines davon ist, dass wir in diesem ungewöhnlichen Jahr viele außergewöhnliche Ausdrücke von Menschlichkeit finden konnten und unser Leben, unsere Arbeit und unsere Aktivitäten so organisieren konnten, dass es immer noch Musik in der Welt gibt, sowohl in Live-Auftritten als auch in Aufnahmen.

Zwangsläufig kam es durch COVID zu Unterbrechungen und, wie überall, zu Einschränkungen durch die Pandemie in Estland. Bei Chorproben über Videoplattformen vermissten wir die Klangqualität, das Dirigat und die Dynamik, und versuchten mit Videoproduktionen das Bedürfnis der Menschen nach Musik zu befriedigen, während die Konzertsäle halbleer waren. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir eine kleine Bevölkerung und leben in großen Entfernungen zueinander, sodass bis Mitte November die Zahl der Menschen in Krankenhäusern gering war, aber dann begann sie auch hier zu steigen. Estnische Profi- und Amateurchöre mussten Konzerte und Tourneen absagen und verschieben, ebenso wie die Teilnahme an vielen großen internationalen Veranstaltungen, darunter auch die World Choir Games.

Die Einschränkungen waren enorm, aber glücklicherweise konnte der Estnische Chor- und Dirigentenverband erfolgreich mit der Regierung verhandeln und finanzielle Unterstützung erhalten, um den Schaden für das Musikleben zu gering zu halten. Obwohl wir am Ende des schmerzhaften Jahres 2020 gezwungen waren, mehrere Einladungen und Konzerte mit dem Estonian TV Girls‘ Choir abzusagen, können wir uns glücklich und zufrieden schätzen mit den Erfolgen, die wir erstaunlicherweise doch noch erzielen konnten: Wir haben neue technische Lösungen gefunden, um die Sänger*innen in der virtuellen und realen Welt zusammenzubringen. Wir waren froh, dass wir im Dezember vier Weihnachtskonzerte mit zwei unterschiedlichen Programmen mit Musik aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen aufführen konnten – in einer Zeit, in der viele Veranstaltungen abgesagt wurden – und dass wir das Jubiläumskonzert des Nationalen Männerchors Estlands im Fernsehen begleiten konnten.

2020 hat den Sänger*innen weltweit viel Durchhaltevermögen und Kreativität abverlangt. Wie haben Sie es geschafft, motiviert zu bleiben und zu motivieren?

Wir sind alle nur Menschen, aber vielleicht beflügelt uns unsere Leidenschaft für die Musik manchmal in den schwersten Zeiten noch mehr. Chöre wurden kreativ und nahmen Videos auf, versuchten, neue Zuhörer*innen zu erreichen, und hatten damit oft sogar Erfolg. Leider sind die Schwächsten die jungen Sänger*innen, deren Unterricht menschlichen Kontakt erfordert, und wir werden die Defizite in den kommenden Jahren der Grundschulausbildung sehen und hören.

Wir haben aber auch versucht, sie durch Unterricht in Solfège, Notenkunde und die Vorbereitung auf künftige Auftritte motiviert zu halten, und die Sänger*innen fühlten sich zusammengehörig, wie es sich für Mitglieder in einem musikalischen Team gehört. Die Konzerte, die stattfinden konnten, wurden bedeutungsvoller und wertvoller als zuvor –- sowohl für die Ausführenden als auch für das Publikum. Positiv und hoffnungsvoll in die Zukunft blickend beginnt unsere Chorgemeinschaft mit den Vorbereitungen für die nächste Youth Song Celebration in Tallinn mit bis zu 40.000 Sänger*innen und Tänzer*innen aus Schulen und Universitäten.

Im Mai konnte Estland das Ende des ersten Corona-Notstands mit einem Konzert der anderen Art feiern: Mit einer Mischung aus Live-Performance, virtuellem Chor auf der Bühne und Autotheater war das Konzert "Der Frühling kam anders" etwas ganz Besonderes. Wie kam es zu diesem Projekt und der Idee? Und wie konnte ein so gigantisches Projekt in so kurzer Zeit realisiert werden?

Damals wurden Ideen und Lösungen sehr schnell geboren und waren wie ein Sonnenstrahl in einem stürmischen Himmel. Der estnische Musikwissenschaftler Jaan Ross beschrieb die Rolle der Musik im 20. Jahrhundert: ‚Musik erzählt die Wahrheit und bringt die Menschen zusammen...‘ Als der Premierminister und die Regierung also eine Botschaft an die Bevölkerung senden wollten, um die Einschränkungen der Pandemie zu beenden, war es offensichtlich, dass ein beispielloses Musikprojekt ein starkes emotionales Zeichen setzen würde. In weniger als einer Woche wurde die Aufnahme gemacht und Einladungen an die Teilnehmenden verschickt; in Zusammenarbeit mit Eesti Televisioon und IT-Solution wurden Probeaufführungen gemacht.

Eine Frage, die mir jeder stellte, war: ‚Wie fühlten Sie sich und wie anders fühlte es sich an, mit den Sänger*innen über die iPad-Bildschirme zu kommunizieren, statt wie sonst einen Massenchor von 25.000 Sänger*innen zu dirigieren, wie in Laulupidu/beim Sängerfest?‘ – Vor dem ersten Versuch fühlte ich mich ungewöhnlich unbeholfen und ganz anders. Es ist sicher nicht klug, dies mit einem Gesamtchor des Sängerfestgeländes von 25.000 Sänger*innen in voller Stärke zu vergleichen. Aber sobald die virtuellen Sänger*innen auf ihren iPads erschienen, winkten und sich von Angesicht zu Angesicht zeigten, änderte sich die Kommunikation, und wir hatten das Gefühl, gemeinsam zu musizieren. Das Feedback der Sänger*innen auf die Live-Übertragung war sehr positiv, und die Organisator*innen wurden für eine mutige und innovative Veranstaltung gelobt.

Welche Tipps können Sie Ihren Kolleg*innen in aller Welt aus diesem Projekt mitgeben? Welche Erfahrungen haben Sie für Ihre Arbeit mitnehmen können?

Musik verändert sich und verändert die Welt. Es ist wichtig, den besten Teil der Tradition zu bewahren und wertvolle neue Elemente zu finden. Musik und Technologie gehen Hand in Hand, und unsere Aufgabe ist es, unser Bestes zu geben, damit die Magie und die Botschaften der Musik die Seelen von möglichst vielen Menschen berühren. Nehmt Euch einen Moment Zeit. Habt keine Angst, Euch fallen zu lassen. Seid dankbar für all Eure Wegbegleiter*innen und Erfahrungen. Natürlich ist es manchmal ein Sprung in einen unbekannten Ozean - aber das ist die menschliche Natur. Und in dem Moment, in dem Ihr die Gesichter der Sänger*innen seht und die Musik beginnt, beginnt der Flug.

Laut der Klassikdatenbank Bachtrack sagte Arvo Pärt, der meistgespielte zeitgenössische Komponist der Welt: ‚Das empfindlichste Musikinstrument ist die menschliche Seele, gefolgt von der menschlichen Stimme. Es ist notwendig, die Seele zu reinigen, bevor sie zu klingen beginnt.‘ Dies spiegelt das tiefere Verständnis des anerkannten Komponisten für die Musik und ihre Anfänge wider, die im Menschen selbst liegen – sowohl in unserem materiellen, physischen Wesen als auch in jenem schwer fassbaren Etwas, das uns zu Menschen macht und uns die Fähigkeit verleiht, nicht nur Musik zu machen, sondern sie auch zu verstehen, sowie uns selbst und andere durch Musik zu verstehen.

Die Pandemie war und ist eine einschneidende Erfahrung für die Menschheit. Wie hat sich die Chorszene in Ihrem Land als Folge der Krise verändert? Wie wird die Chorarbeit in Zukunft aussehen?

Was die Pandemie uns hinterlässt, sind zwei Arten von Erkenntnissen: Depression (wie man mit der Situation umgeht) und Innovation (wie man sich anpasst und sie für eine Art von Evolution nutzt).  Die inneren Überzeugungen und Haltungen der Menschen bestimmen, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. In der Realität gibt es sowohl für Profis als auch für Amateure einige ähnliche, aber auch einige sehr unterschiedliche Auswirkungen. Während professionelle Musiker*innen ihre regulären Jobs und das damit verbundene Einkommen (bis zu einem gewissen Grad) verloren haben, konnten sie ihre professionellen Fähigkeiten besser aufrechterhalten. Amateure hingegen haben mehr unter dem Verlust von Proben und dem Mangel an Konzertqualität und sozialer Interaktion gelitten.

Wir müssen uns daran erinnern, dass wir positive Meinungsbildner und verantwortungsvolle Vorbilder sind - also kümmern wir uns um unsere Gemeinden, ihre Gesundheit und ihre Gefühle. Wir verlassen uns auf Impfstoffe - aber die Natur ist uns immer noch einen Schritt voraus. Deshalb sind wir hoffnungsvoll und dankbar für die kostbaren Momente, die wir bisher erleben durften. Wenn die neue Normalität das Reisen und große Versammlungen in Zukunft einschränkt, dann wird jede Aufführung von Live-Musik viel wertvoller werden als bisher. Meine Kolleg*innen und ich werden unser Bestes tun, um 2021 zu einem denkwürdigen Jahr für die Musik zu machen - es gibt Veranstaltungen im Kalender und Partituren auf den Ständen - aber wir müssen immer darauf vorbereitet sein, dass nicht alles so wird, wie wir es uns wünschen.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen positiven Aspekt, der für die Chöre aus dieser Krise bleibt? Was könnte das sein?

Während die meisten von uns normalerweise lieber über die Musik kommunizieren, müssen wir jetzt vor allem Zeit für die verbale Kommunikation und Interaktion finden. Der wichtigste positive Aspekt ist aus meiner Sicht, dass unsere Leidenschaft für die Musik noch stärker ist und es keinen Virus gibt, der uns davon abhalten kann, Mensch zu sein oder die Musik in unserer Seele zu stoppen. Es gibt noch viele andere Aspekte, aber vor allem der Innovationsdrang ist gewachsen, die Fortschritte bei der Entwicklung und Nutzung neuer IT-Lösungen und auch der Fokus auf die Entwicklung neuer Veranstaltungsformate für Wettbewerbe, Workshops und Meisterkurse. Dirigent*innen suchen nach cleveren Wegen, um Sänger*innen und Publikum anzuziehen und zu motivieren, und die Singenden erkennen, wie wichtig der Live-Kontakt mit dem*der Dirigent*in ist und wie viel Energie sie investieren müssen, um ihre individuelle Qualität zu steigern.

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