Mikis Theodorakis im Gespräch mit INTERKULTUR-Präsident Günter Titsch © INTERKULTUR

Mikis Theodorakis: Volksheld, Freiheitskämpfer und Unterstützer der chorolympischen Bewegung

Über die innige Verbindung zwischen INTERKULTUR und seinem Künstlerischen Ehrenpräsidenten

Nachruf

Vom Dachgarten des Hauses in einer stillen Straße auf dem Philopapposhügel von Athen verdecken weder Dächer noch Zypressen den Blick auf die Akropolis. Seit 1974, unmittelbar nach dem Ende der Junta, des Obristenregimes in Griechenland, war Mikis Theodorakis hier zuhause. Es sei, so erzählte er, „ein großes Privileg, gegenüber dem Parthenon zu leben“. Die Akropolis nicht mehr sehen zu dürfen sei das einzige, worüber er nach seinem Tode traurig sein werde, sagte er einst in einem Interview. Am 2. September 2021 ist der Komponist, Dirigent, Freiheitskämpfer, Kulturpolitiker und Künstlerische Ehrenpräsident von INTERKULTUR im Alter von 96 Jahren in seiner griechischen Heimat Athen verstorben.

Hier, in seiner Residenz auf der höchsten Erhebung im südlichen Teil der Stadt, hatten ihn auch INTERKULTUR-Präsident Günter Titsch und Vize-Präsidentin Wang Qin im Jahr 2007 besucht und dort lange Gespräche mit ihm über die Entwicklung der Chormusik in der Welt und die internationale Arbeit von INTERKULTUR und der World Choir Games – der Olympischen Spiele der Chormusik – geführt. Von diesem Moment an war Theodorakis, der Zeit seines Lebens mit Deutschland, dem Land Ludwig van Beethovens, eng verbunden war, der friedensstiftenden, völkerverbindenden Arbeit von INTERKULTUR in besonderer Weise zugetan.  

Mikis Theodorakis: großer Humanist, Widerstandskämpfer und Künstler

Kein anderer Musiker im 20. Jahrhundert ist so wie er zum Symbol der politischen Opposition gegen Diktatur, Verfolgung und Unterdrückung geworden. Dreimal - unter der Herrschaft der Nazis in Deutschland, im Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Royalisten und während der Juntazeit - geriet Theodorakis in die Fänge von Faschisten. Er wurde gefoltert, in Konzentrationslagern gefangen gehalten, überlebte mit gravierenden gesundheitlichen Folgen, wurde ins Exil getrieben. Angesichts dieses Leidensweges darf sein musikalischer Kosmos als bleibender Triumph der Hoffnung und künstlerischen Unbeirrbarkeit verstanden werden.

Musik, so lautete sein Credo, und namentlich die Chormusik, „macht uns zu menschlicheren Menschen und lässt uns so glückliche Gefühle erfahren, wie es die Liebe zwischen Individuen ist“.

Er schrieb Kammermusik, Sinfonien, Kantaten, Oratorien, Hymnen, Opern, Ballett- und Bühnenmusiken und immer wieder für den Film, wie unter anderem für „Alexis Sorbas“, der 1965 mit insgesamt drei Oscars prämiert wurde und durch dessen Musik Theodorakis weltberühmt wurde. Herausragend sind aber auch seine bahnbrechenden chorsinfonischen Werke Canto General (1982, Text: Pablo Neruda) und das Oratorium „Axion Esti“ (1960, Text: Nobelpreisgewinner Odysseas Elytis).

Mit seinen Liederzyklen knüpfte er an die griechische Tradition an. Mit ihnen fand er die Form einer musikalischen Sprache, die unabhängig von sozialen Schichten von jedem Griechen verstanden und letztlich von den Menschen geliebt wurde. “Mikis hat mit seinen Liedern nach Gedichten von Ritsos, Seferis und Elytis die Poesie unter die Leute gebracht“, beschrieb es einst die Schauspielerin und frühere Kulturministerin Melina Mercouri.

Anlässlich seiner Ernennung als Ehrenmitglied der Akademie von Athen sagte Mikis Theodorakis im Jahr 2013 in einer Rede:

"Ich glaube, dass die größten Ideen der Menschheit ihren Ursprung in Griechenland haben: der olympische Gedanke, der Frieden und die Zivilisation. Heutzutage sind die einzigen Fälle von Zusammengehörigkeit der Menschen der Sport und die Kunst.“

Er äußerte im Weiteren die Idee und den Wunsch, dass wir, die Generation des 21. Jahrhunderts, das antike Delphi wieder zu einem Ort der Schönheit des Geistes, der konstruktiven Kreativität in den Bereichen Musik, Poesie, Tanz, Malerei und bildende Kunst machen könnten. Wäre das nicht ein kleiner Schritt in Richtung eines Beitrags zu einer besseren Welt, in der wir leben können, einer Welt des menschlichen und ökologischen Wohlstands?

Unterstützer der World Choir Games und der chorolympischen Bewegung

Gedanken wie diese können als Erklärung für seine große Affinität zu INTERKULTUR verstanden werden und verdeutlichen seine Beweggründe seiner sofortigen Bereitschaft, die chorolympische Bewegung und die World Choir Games mit aller Kraft zu unterstützen. Wo sonst erfahren die Kultur, und insbesondere der Chorgesang, ähnliche Aufmerksamkeit, Emotionen und Strahlkraft wie große Sportveranstaltungen, wie beispielsweise die Olympischen Spiele, die die World Choir Games so stark inspiriert haben?

Und so hatte Theodorakis unmittelbar im Anschluss an sein Gespräch mit INTERKULTUR-Präsident Günter Titsch in Athen im Jahr 2007 sein großes Interesse und seine Unterstützung für die weltumspannende Arbeit von INTERKULTUR signalisiert. Es erreichte ihn daraufhin recht bald das Angebot, als Künstlerischer Ehrenpräsidenten von INTERKULTUR, den World Choir Games und dem World Choir Council die Arbeit der Organisation auf direktem Wege mitzugestalten. Günter Titsch in einem persönlichen Schreiben an Theodorakis dazu:

„Die gesellschaftspolitische Grundlage der Olympischen Spiele als Zusammenkunft von Menschen aus vielen verschiedenen Nationen und Kulturen, die sich in einem friedlichen Wettkampf messen, ist für die World Choir Games von großer Bedeutung, da sie selbst auf der olympischen Idee beruhen. Und was könnten wir Größeres erreichen, als einen Künstlerischen Ehrenpräsidenten aus dem Ursprungsland eben dieser Idee in unseren Reihen zu haben?“

Theodorakis akzeptierte, ohne zu zögern:

„Ich nehme diese Auszeichnung mit Begeisterung und Verantwortungsbewusstsein an, da ich um den Wirkungskreis und die Bedeutung dieser großen internationalen Organisation und um die Resonanz auf ihre Aktivitäten weiß. Sie hat ihr Engagement in den Dienst einer der verdienstvollsten Taten im Bereich der musikalischen Praxis und des menschlichen Daseins gestellt: Sie sorgt für die Verbreitung der Musik – und zwar in deren höchster, idealster Form –, sie vereint Menschen und Völker, und sie euphorisiert wie kaum etwas anderes unsere innere Welt.“

Der 2005 mit dem UNESCO-Musikpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnete Künstler stand seither im Künstlerischen Ehrenpräsidium in einer Reihe mit bedeutenden Persönlichkeiten der internationalen Chorszene, wie unter anderem mit der schwedischen Chorleiterlegende Eric Ericson oder auch zwei bekannten Komponisten zeitgenössischer Chormusik, Morten Lauridsen und John Rutter.

Zuletzt spielte er gemeinsam mit der Mikis Theodorakis Foundation eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Internationalen Chorwettbewerbs & Festival Kalamata, welches sich 2015 als das erste Chorfestival von INTERKULTUR in Griechenland etabliert hat und 2021 bereits zum vierten Mal ausgetragen werden soll.

Unvergessen bleibt Theodorakis auch hier: Traditionell singen im Eröffnungskonzert alle teilnehmenden Chöre gemeinsam sein Stück „Sto perijiali to krifo“ –  eine gemeinsame, internationale Hommage an einen nationalen Volkshelden und einen der größten Künstler Griechenlands und der Weltkultur!

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