Suwon Female Choir, Südkorea © Studi43

Wie wird eine Region zu einem Zentrum der Chormusik?

Ein Blick auf die rasante Entwicklung und die Bedeutung der südkoreanischen Chorszene

World Choir Games 2022

„Welcome to the 12th World Choir Games in Gangneung.“ Vom 4. bis 14. Juli 2022 treffen sich zum zweiten Mal hunderte Chöre aus der ganzen Welt in Südkorea = Republik Korea) – nach der ersten Veranstaltung im Jahr 2002 in Busan – diesmal in der Provinz Gangwon an der Ostküste Südkoreas.

2018 war diese einer der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele, welche durch den gemeinsamen Auftritt von Nord- und Südkorea als „Friedensspiele“ in die Geschichte eingegangen sind. Diese Idee soll nun mit den World Choir Games 2022 weitergetragen werden. Zwischen dem Ostmeer auf der einen und einer beeindruckenden Bergkulisse auf der anderen Seite, stehen wie bei allen World Choir Games neben dem Wettbewerb als solchem vor allem der kulturelle Austausch und die völkerverbindende Kraft der Chormusik im Vordergrund.

Und wo ließe sich dies besser erleben als in einer Region, deren Chormusik zwar nicht auf die längste, aber sicherlich auf eine der beeindruckendsten Entwicklungen blicken darf?

Koreas Chorgeschichte zwischen christlicher Tradition und Moderne

Eigentlich begann alles recht klassisch: Christliche Missionare führten in den 1880er Jahren mit der Gründung von Bildungseinrichtungen und Kirchen westliche Musik in Korea ein. So entstand eine Chortradition, die zunächst rund 30 Jahre ausschließlich in den Kirchen und Bildungseinrichtungen gelebt wurde.

Vor allem Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, im zeitlichen Umfeld der Unabhängigkeit von Japan und des Koreakriegs, wurden viele Chöre auch außerhalb der Kirchen gegründet. In den 1960er Jahren dehnte sich der Chorgesang auf Schul- und Kinderchöre aller Altersstufen aus und in den 70ern schließlich begann die Regierung, Chorwettbewerbe für Amateurchöre zu veranstalten. Ziel war es, die Menschen für das gemeinsame Singen zu motivieren und so den Gemeinschaftssinn, den Patriotismus und das Bewusstsein für das traditionelle Erbe und die Kultur des „neuen Landes“ zu stärken. Der National Chorus of Korea (NCK), gegründet 1973, gilt als erster professioneller Chor Koreas. Dessen Dirigent Young-Soo Nah trug stark zur Entwicklung der koreanischen Chormusik bei, indem er koreanische Komponisten motivierte, Werke für Chöre zu schaffen.

Mit der Gründung des ersten vollständig von einem privaten Unternehmen finanzierten professionellen Chores, des Daewoo-Chors 1983, war der Zeitpunkt erreicht, an dem die Chormusik auch außerhalb der Kirche stark an Popularität gewann.

Mittlerweile gibt es über 9.000 Chöre in Südkorea: neben sehr vielen Kirchenchören, bürgerlichen und professionellen Stadtchören, auch eine große Anzahl von Amateurchören aller Altersstufen. Die Bedeutung der Chorszene in und für die Republik Korea zeigt sich darin, dass regelmäßige und jährliche Programme öffentlicher Organisationen die Chöre finanziell unterstützen, so dass sich die Szene sowohl stilistisch als auch zahlenmäßig stetig erweitert.

Bunt, lebendig und von hoher Emotion – Koreaner lieben das Singen im Chor

Heute gestaltet sich Koreas Chorleben kunterbunt, lebendig in allen Alters- und Gesellschaftsgruppen, äußerst vielfältig und von Traditionen ebenso geprägt wie von aktuellen Gesangstechniken und musikalischen Strömungen.

Neben der kirchlichen Chormusik steht noch immer der 1896 erstmals schriftlich erwähnte Klassiker des koreanischen Volksliedgutes „Arirang“ ganz oben auf der Hitliste des Chorgesangs. Das mit Abstand bekannteste koreanische Volkslied gibt es in unzähligen lokalen Variationen. Es gilt als Symbol der Harmonie und wurde 2012 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.

Doch gerade im modernen Chorgesang finden sich auch viele globale Trends (u.a. europäische Romantik und amerikanische Popmusik), die oft mit lokalen Inhalten und landestypischen Gefühlen kombiniert werden. Fest steht, Koreaner singen gerne: tausende von Karaoke-Lokalen im Land zeugen davon. Wie gut sie darin sind, beweisen die vielen berühmten koreanischen Sänger, die auf den Opernbühnen Europas erfolgreich sind. Vor allem aber nutzen Koreaner die Musik, um Gefühle auszudrücken. So beinhaltet koreanische Chormusik auch immer die lyrische Sensibilität der koreanischen Menschen.

Zwei große Chorverbände, die Korean Federation for Choral Music (KFCM) und die Korean Choral Directors Association (KCDA), unterstützen die Weiterentwicklung und Förderung der Chöre ebenso wie die von aufstrebenden Dirigenten und Komponisten.

Weltbekannte Dirigenten engagieren sich für die Weiterentwicklung der koreanischen Chorszene

Prof. Hak-Won Yoon, hochrangiger Dirigent von Weltruhm, Künstlerischer Ehrenpräsident von INTERKULTUR und oft als Urgestein der koreanischen Chorszene bezeichnet, hat einen großen Anteil an dieser fulminanten Entwicklung. Schon zu Beginn seiner Dirigentenlaufbahn im Jahr 1970 war es ihm ein großes Anliegen, Verbindungen zwischen der koreanischen und der globalen Chormusik herzustellen. Mit Chören wie den Seoul Ladies‘ Singers, dem World Vision Children‘s Choir, den Daewoo Choir und dem Incheon City Chorale verfolgte er vor allem zwei Ziele: die heimische Chormusik in die ganze Welt zu tragen und gleichzeitig die Popularisierung der Chormusik in der Republik Korea voranzutreiben. All diese Chöre sind heute weltbekannt.

Viele musikalische Talente sind Prof. Hak-Won Yoon, der an der Joong-Ang University Komposition lehrt und Gründer des Seoul Chorus Center ist, in die Chorwelt gefolgt. Darunter sein Sohn Euijoong Yoon, der heute Dirigent und künstlerischer Leiter des National Chorus of Korea ist.

Mit ihnen und anderen großen Chorleiterinnen und Chorleitern hat er es geschafft, die koreanische Chorszene zu vereinen und neu zu gestalten.

Wünsche für die Zukunft des Chorgesangs in Südkorea

Für die Zukunft wünschen sich Prof. Hak-Won Yoon wie auch Dr. Shin-Hwa Park, (Repräsentant der Republik Korea im World Choir Council, Professor an der Ewha Womans University, Dirigent des Ansan City Choir und des Ewha Chamber Choir und ehemaliger Präsident der Korean Federation for Choral Music (KFCM)), dass es gelingen möge, noch mehr junge Sängerinnen und Sänger für den Chorgesang zu begeistern. Die World Choir Games mit ihrem Motto „Singing together brings nations together“ im Juli 2022 sehen sie aufgrund ihrer immensen Außenwirkung als große Chance für die Weiterentwicklung der Amateurchorszene – nicht nur in Südkorea.

Dieser Wunsch nach Frieden und Verbundenheit äußert sich auch in der Tatsache, dass im DMZMuseum – in der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea – während der World Choir Games 2022 Freundschaftskonzerte mit Chören aus unterschiedlichen Nationen geplant sind.

Also auf in die, wie Han-Geun Kim, Bürgermeister von Gangneung sagt, „romantische Stadt voller Kaffee, Meer, Kiefernduft und Charme, in der die Gewohnheiten und die Würde einer jahrtausendealten Geschichte lebendig werden“. Auf dass die Chöre der Welt das Vermächtnis „Frieden und Wohlstand“ der Olympischen Winterspiele 2018 auf die World Choir Games 2022 übertragen mögen!

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