Maarten Van Ingelgem © Jochen Schollaert
World Choir Games 2020

Dürfen wir vorstellen? Der neue Künstlerische Leiter!

Maarten Van Ingelgem ist lokaler Künstlerischer Leiter der 11. World Choir Games

Während seiner Klavier- und Kompositionsstudien an den Konservatorien in Brüssel und Antwerpen hat Maarten Van Ingelgem der Chor-Virus gepackt. Seit 2001 leitet er De 2de Adem (Der Zweite Wind), einen Kammerchor für zeitgenössische Musik aus Gent. Seitdem hat er 34 Premieren mit ihm aufgeführt.

Außerdem ist er Basssänger bei “Aquarius”, und wird regelmäßig eingeladen, die Bässe in Ensembles wir dem Brussels Chamber Choir oder dem Flemish Radio Choir zu verstärken oder zu leiten. Maarten hat bereits jahrelange Erfahrung bei der Zusammenstellung von Programmen oder Organisation von Konzerten für Organisationen wir Jeunesses Musicales gesammelt. Seine Leidenschaft für Kreativität lebt er als Professior für Komposition an der LUCA School of Arts in Löwen (Leuven) aus.

Als Komponist reicht sein Werk von Solostücken zu Streicherquartetten, von Kammeroper bis Klavierkonzert – für das er mit dem Preis für Zeitgenössische Musik der Provinz Ostflandern ausgezeichnet wurde. Die belgische Autorengemeinschaft Sabam ehrte ihn mit einer Goldenen Poppy für sein Chorwerk, außerdem war er zweimal Preisträger beim European Music Festival for Young People in Neerpelt und beim Internationalen Chorwettbewerb Flandern-Maasmechelen. Seine Chorwerke werden in Belgien und im Ausland gesungen und bei Euprint und Schott Music veröffentlicht.

Für die 11. World Choir Games Flandern 2020 wurde Maarten Van Ingelgem als lokaler Künstlerischer Leiter ernannt. In einem Interview mit uns teilt er schon einige Ideen zur Veranstaltung, spricht über die Chormusik in Belgien und beantwortet auch einige persönliche Fragen:

Als gerade neu ernannter Künstlerischer Leiter der World Choir Games in Flandern 2020 – dem größten Chorwettbewerb weltweit: Warum glauben Sie, dass es für Sänger*innen und Chöre wichtig ist, sich mit anderen zu messen? 
Wettbewerbe in den Künsten unterscheiden sich natürlich von Wettbewerben im Sport: Chöre stehen nicht im Wettstreit mit allen anderen und es geht nicht darum, die höchsten, niedrigsten oder längsten Töne oder lauter als alle anderen zu singen. Beim Chorgesang geht es um Teamwork und die Musik an sich. Ein Chorwettbewerb fordert den Chor auf seinem Weg, ein höheres Niveau zu erreichen und in seiner Kommunikation mit dem Publikum.

Was ist die besondere Herausforderung daran, eine so zentrale Rolle in einem internationalen Chorwettbewerb im eigenen Heimatland zu spielen und Sängerinnen und Sänger aus aller Welt willkommen zu heißen?
Ich beginne mich langsam wie ein Gastgeber zu fühlen, der Menschen zusammenbringen wird, die einander größtenteils nicht kennen, aber doch eine gemeinsame Leidenschaft teilen. Die Herausforderung wird einerseits darin bestehen, jeden Einzelnen an dieser großen Chorparty teilnehmen zu lassen und auf der anderen Seite engere Kontakte zu ermöglichen. Ich sehe mich dabei selbst als eine Art Datingbüro, das Chöre zusammenbringt und mit diesem Prozess lange vorher startet, bevor diese sich tatsächlich treffen und miteinander singen. Ich bin sicher, dass daraus auch lange nach dem Ende der Games starke Verbindungen für die Zukunft entstehen werden.

Was macht belgische Chormusik so besonders?
Wir haben im Bereich der Chormusik eine lange und interessante Geschichte, die mit den flämischen Polyphonisten beginnt, die einen starken Einfluss auf die westliche Musik des 14.-16. Jahrhunderts ausgeübt haben. Man könnte eine Linie ziehen, die zu diesem Zeitpunkt beginnt und bei Bach endet, und selbst zeitgenössische Komponisten wie Ligeti mussten feststellen, dass sie aus dieser Richtung bei ihren Chorwerken inspiriert wurden. Unsere Komponisten heute bauen bei ihrem Blick in die Zukunft auf dieser Tradition auf. Einige von ihnen schreiben in einem neo-polyphonischen Stil, andere erweitern die Palette durch den Einsatz von Elektronik bei ihren Darbietungen.
Für mich ist die Vielfalt und Innovation umwerfend: Projekte wie zum Beispiel „The Voice of our Memory“, wo Gesang die Lebensqualität der Menschen mit Demenz verbessert, oder „Shout at Cancer“, initiiert von Dr. Thomas Moors, einem ehemaligen Sänger des Knabenchor Cantate Domino in meiner Heimatstadt Aalst, der Vokaltechniken verwendet, um Menschen nach einem Kehlkopfschnitt zu helfen. Ein weiteres Beispiel ist die inhalierende Gesangstechnik, die von der Sängerin und Komponistin Françoise Vanhecke entwickelt wurde.

Was sollen die Teilnehmer der World Choir Games von ihrer Reise mit nach Hause nehmen?
Viele gute Erinnerungen, neue Freundschaften und Pläne für die Zukunft. Und natürlich die Musik unserer Komponisten. Als Komponist hatte ich das Privileg, mit so vielen Sängerinnen und Sängern zusammen zu arbeiten und der schönste Moment ist immer der, wenn die Künstler den Punkt erreichen, wo sie die Musik verinnerlichen. Dann wird die Musik unabhängig vom Schöpfer. Was wären Komponisten ohne diese Botschafter?

Was ist die beste Sache, die internationale Sängerinnen und Sänger von Flandern erwarten können?
Wir leben in einer kleinen und dicht besiedelten Region im Herzen Europas und diese Region war seit jeher Schauplatz zahlreicher internationaler Konflikte – erst vor wenigen Tagen haben wir dem Ende des Ersten Weltkriegs gedacht. Geschichte hat einen Einfluss auf eine Gesellschaft, und die besten Dinge, die daraus entstanden sind, sind Konfliktmanagement, ein Streben nach Frieden, der Umgang mit komplexen Sachverhalten, Kreativität, Kommunikation und Vielsprachigkeit (viele Menschen hier sprechen drei oder mehr Sprachen). Vielleicht sind dies eher abstrakte Ideen. Aber keine Sorge, wir haben immer noch unsere Bierkultur…

Wie werden Chöre aus Belgien von den internationalen Chören, die in ihr Heimatland kommen, profitieren?
Neben dem Knüpfen neuer Kontakte und Schließen neuer Freundschaften sind die Aspekte, auf die ich mich am meisten freue, die Entdeckung neuer Musik (ich hoffe wirklich, dass die Chöre Musik von Komponisten ihres Heimatlandes mitbringen und aufführen werden), ein herausragendes Autrittsniveau, neue Kommunikationswege auf der Bühne und eine zukünftige Zusammenarbeit.

Als Musiker sind Sie sowohl sowohl als Sänger als auch als Komponist bekannt. Hand aufs Herz: Was davon ist für Sie erfüllender?
Das Singen war eine eher späte Berufung, in der Tat habe ich zum ersten Mal in einem Chor während meines ersten Jahres am Konservatorium in Brüssel gesungen, wo ich Klavier studierte. Wir führten die Psalmensinfonie von Strawinsky auf, was eine eindrucksvolle Erfahrung war. Später behielt ich die Gesangsstunden bei, um meine Fähigkeiten als Chorleiter zu verbessern. Und ich bin sicher, dass ich durch den Gesang auch ein besserer Pianist wurde. Singen gibt mir stets ein sofortiges Gefühl des Glücks, wohingegen Komponieren eine eher einsame und langfristige Aktivität ist. Aber wenn ich wählen müsste, würde ich vermutlich das Komponieren vorziehen und das Singen lieber anderen überlassen. Ich denke, das ist ein guter Kompromiss.

Wer oder was ist die größte Inspiration in Ihrem Leben?
Als Künstler sollte man offen für alles sein und man kann seine Inspiration überall finden. Häufig weiß man nicht im Voraus, was einen berühren wird. Es ist wichtig, neue Dinge, Kunstwerke, Menschen und Ideen zu entdecken. Um etwas selbst zu erschaffen, braucht man Zeit und Stille. Die Dinge, die mich am meisten inspirieren, sind Stille oder die Spannung zwischen Geräusch und Stille, der Moment, wenn etwas noch nicht da ist, oder gerade vorüber ist und einen Eindruck im Kopf hinterlässt.

Was würden Sie heute machen, wenn Sie nicht für die Musik arbeiten würden?
Als Kind liebte ich Zeichnen, also würde ich vielleicht im graphischen Bereich arbeiten, zum Beispiel als Designer oder Architekt. In den letzten Jahren ist es selten vorgekommen, dass ich einen Bleistift in die Hand genommen habe, obwohl ich ab und an einige grafische Elemente in meine Partituren einfüge. Zum Glück habe ich zwei Töchter, acht und zehn Jahre alt, die es lieben, auf diese Weise kreativ zu sein.

Mit wem würden Sie gerne einmal in Ihrem Leben ein Duett singen?
Als Sänger fühle ich mich in einem Chor am wohlsten und ich habe absolut keine Ambitionen, als Solist aufzutreten. Aber falls sich die Gelegenheit ergeben würde, wäre ein Auftritt mit Tutu Puoane etwas Besonderes. Sie ist eine wunderbare südafrikanische Jazzsängerin, die bereits seit Jahren in Antwerpen lebt. Obwohl ich als klassischer Pianist ausgebildet wurde, habe ich ein Faible für Jazz. Ich habe Jazzpiano nur ein Jahr lang studiert und ich hoffe wirklich sehr darauf, dieses Studium fortsetzen zu können. Vielleicht wäre jetzt der richtige Moment?

Was ist aus Ihrer Sicht das bedeutendste Chorwerk, das je verfasst wurde?
Es ist vielleicht ein überraschender Gedanke, aber für mich geht es bei Musik oder Kunst im Allgemeinen nicht um Schönheit. Geschmack ist etwas sehr Persönliches, und kann von Zeit zu Zeit variieren. Es geht um die Bedeutung: Warum hat ein/e Künstler/in etwas erschaffen und was wollte er/sie damit zum Ausdruck bringen. So betrachtet kann atonale Musik ebenso schön sein wie tonale Musik. Das großartigste Werk der Chorliteratur wäre dann Beethovens neunte Sinfonie: Rund 1 Stunde lang zu warten kreiert eine beinah unerträgliche Spannung sowohl für die Sänger als auch für das Publikum. Und ich weiß, dass es nicht das angenehmste Stück ist, das man singen kann, aber es drückt das Streben nach einem höheren Ziel aus. Kein Wunder, dass ‘Alle Menschen…’ als Europahymne ausgewählt wurde. Da Beethoven flämische Großeltern hatte (daher das ‘van’ in seinem Namen), werden wir natürlich auch seinen 250. Geburtstag im Jahr 2020 feiern.

Maarten Van Ingelgem
16. November 2018

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