Prof. Dr. Ralf Eisenbeiß © Nolte Photography
World Choir Games 2020

"250 neu komponierte Werke wurden uraufgeführt"

Künstlerischer Leiter Prof. Dr. Ralf Eisenbeiß über 20 Jahre World Choir Games

Seit den allerersten Klängen der Veranstaltung ist Prof. Dr. Ralf Eisenbeiß Künstlerischer Leiter und Mitbegründer der World Choir Games. 2020 wird er seit nunmehr 20 Jahren für das Event arbeiten, welches sich inzwischen als größter internationaler Chorwettbewerb der Welt etabliert hat. Wir haben mit ihm über die World Choir Games, künstlerische Entscheidungen und persönliche Erfahrungen der letzten 20 Jahre gesprochen.  

Sie sind seit den 1. World Choir Games (ehem. Chorolympiade) im Jahr 2000 in Linz als Künstlerischer Leiter der Veranstaltung dabei. Wie hat sich die Veranstaltung seither entwickelt?
Die Idee, die olympischen Ideale in einer großen internationalen Chorveranstaltung lebendig werden zu lassen und zu pflegen, begeisterte von Anfang an Chöre aus aller Welt. Das Event wuchs mit jeder neuen Ausgabe. Wir Organisatoren mussten lernen, in den verschiedenen Ländern mit den unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen zurecht zu kommen und unsere World Choir Games den jeweiligen Situationen anzupassen. Das waren jedes Mal große Herausforderungen, die unsere ganze Kraft auf allen organisatorischen Ebenen forderten. Aber der Erfolg war immer größer und so konnten die „Games“ zur attraktivsten Veranstaltung von INTERKULTUR werden.

Die World Choir Games bieten alle zwei Jahre bis zu 29 verschiedene Wettbewerbskategorien an. Welche davon gehören seit jeher zu den beliebtesten?
Vor allem die zahlreichen Kinder- und Jugendchorkategorien sind immer wieder stark besetzt. Gleichzeitig sind die geistliche Chormusik und die Folklorekategorien sehr gefragt. Auf die Popkategorien stehen hoch im Kurs. Im Laufe der Jahre sind aber auch schöne neue Entwicklungen festzustellen. Beispielsweise ist die Kategorie der Seniorenchöre sehr populär geworden. Auch die zeitgenössische Chormusik, wurde in der letzten Zeit immer beliebter.

Bei jeder World Choir Games gibt es leichte Änderungen an der Auswahl der Kategorien. 2014 wurde beispielsweise die Kategorie „Senior Choirs“ eingeführt, 2016 kam „University and College Choirs“ neu dazu. Für die World Choir Games 2020 wurde entschieden, die Kategorie „Musica Contemporanea“ im Gegensatz zu den Vorjahren in „Gleichstimmige Chöre“ und „Gemischtstimmige Chöre“ aufzuteilen. Auf welcher Basis und warum werden solche Entscheidungen getroffen?
Da wir mit den World Choir Games einen universalen chorolympischen Anspruch vertreten, wollen wir die verschiedensten Möglichkeiten des Singens möglichst repräsentativ darstellen. Wir beobachten die Entwicklungen sehr genau und schauen, welche Kategorien Sinn machen und welche nicht. Außerdem sind wir sehr daran interessiert, die Singgewohnheiten der Gastgeberstädte in die Kategoriegestaltung einzubeziehen. Also werden jede World Choir Games auf die spezielle Situation im Gastgeberland zugeschnitten. In Cincinnati waren das beispielsweise Barbershopchöre, die wir in das Programm genommen haben, und in Korea 2002 wollten die Gastgeber unbedingt Familienchöre im Programm sehen. Darauf sind wir eingegangen. Das Grundgerüst unserer Veranstaltung bleibt aber immer gleich.

Mit der Kategorie „Musica Contemporanea“ geben die World Choir Games immer auch jungen Komponistinnen und Komponisten der Gegenwart die Möglichkeit, auf einer großen Bühne aufgeführt zu werden. Was ist hier 2020 insbesondere vom Gastgeberland Belgien und der Gastgeberregion Flandern zu erwarten?
Zunächst einmal hat jeder Chor meistens einen oder mehrere „Hauskomponisten“, die aus diesem Anlass neue Stücke schreiben und die Uraufführung den World Choir Games widmen. Deshalb ist die Kategorie der zeitgenössischen Chormusik so bunt und vielfältig wie die Chöre selbst. Wir erwarten hier auch sehr viele Gruppen aus der Gastgeberregion. Belgien und die Niederlande haben eine sehr lebendige Chorszene mit ausgesprochen vielen aktiven Komponisten. Dadurch wird mit Sicherheit ein Schwerpunkt auf solchen neuen Werken liegen. Und übrigens erleben wir auch in den anderen Kategorien viele Uraufführungen. Auf diese Weise wurden seit der ersten Veranstaltung im Jahr 2000 etwa 250 meist hochklassige neu komponierte Werke uraufgeführt.

Welches ist Ihre ganz persönliche Lieblingskategorie? Warum?
Es gibt für mich eigentlich keine Lieblingskategorie. Alles ist gut, die jugendliche Frische der Kinderchöre, der kräftige Klang eines guten Männerchores, das feine Musizieren kleinerer Kammerchöre, die farbenfrohe Folklore und die mitreißenden Popchöre. Alles macht Spaß und wird auf höchstem Niveau präsentiert. Und manchmal kommt es sogar vor, dass die internationale Jury am Ende eines Konzertes vor Begeisterung den Saal mit Tränen in den Augen verlässt, weil der Chor so hervorragend gesungen hatte. Das sind die schönsten Momente und da spielt die Kategorie keine Rolle mehr.

Was empfehlen Sie Teilnehmerchören für die Auswahl ihres Wettbewerbsprogramms bei den World Choir Games?
Der Chorleiter muss das Repertoire gut planen. Er sollte ein interessantes Programm vorbereiten, das die Stärken des Chores hervorhebt und welches zeigt, was der Chor kann. Er muss wissen, womit er die Jury und die anderen Teilnehmer beeindrucken kann. Deshalb ist die Dramaturgie, auch wenn nur vier Stücke gesungen werden, außerordentlich wichtig. Das Programm braucht Farbe und diese entsteht auch durch den unterschiedlichen Charakter der Werke. Es sollte ruhige Momente schönen und berauschenden Klanges ebenso geben wie lebendige, rhythmisch packende, furiose und heitere Werke. Kurzerhand: Der Chor muss beeindrucken. Wie er das macht, muss er selbst entscheiden.

Neben den Wettbewerben bieten die World Choir Games den Teilnehmerchören immer auch Raum für Begegnung in Freundschaftskonzerten und gemeinsamen Aufritten, z.B. im großen internationalen Festival Stage Choir. Warum ist das wichtig?
Die World Choir Games sind die Olympiade des Chorgesanges und das nicht nur in den Wettbewerben. Wenn tausende Sängerinnen und Sänger aus etwa 80 Ländern zusammenkommen, wollen sie natürlich zeigen, was sie können. Sie wollen mit anderen Chören in Kontakt kommen, gemeinsam singen, die besten Chöre in Galakonzerten hören und Spaß haben. All das und noch vieles mehr können sie 10 Tage, die das Festival andauert, in vollen Zügen genießen.

Was ist für Sie ganz persönlich der beste Moment bei allen World Choir Games?
Ich gebe sehr gern zu, dass der Moment während der chorolympischen Zeremonie, in dem die Teilnehmerländer unter dem tobenden Applaus der Zuschauer einmarschieren,willkommen geheißen werden und die große chorolympische Fahne gehisst wird, für mich der emotionalste Moment sind. Hier kulminieren zwei Jahre harter Vorbereitungsarbeit des großen Teams von INTERKULTUR und die Freude darüber, dass wir wieder die innovativste internationale Chorveranstaltung der letzten Jahrzehnte erleben können. Aber ebenso berührend ist die Begeisterung der Sängerinnen und Sänger, wenn sie ihre Medaille, überreicht bekommen. Da kennt die Freude keine Grenzen.

Welche Begebenheit aus den vergangenen World Choir Games-Jahren ist Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?
Auch das ist nicht einfach zu beantworten, es gibt so viele. Nach Sotchi kam ein Chor aus Afghanistan, der in einer Gegend beheimatet war, in der jegliche Musik und jegliches Musizieren verboten waren. Dort kennt man seit Generationen keine Musik. Diese jungen Menschen hatten irgendwie von der Chorolympiade gehört, haben heimlich Noten gelernt, ein Programm einstudiert und sich durch die Teilnahme an den „Games“ einen Lebenstraum erfüllt. Unser chorolympisches Motto lautet „Teilnahme ist die höchste Ehre“ und dieses Beispiel verdeutlichen die Kraft, die Musik gegen alle Widerstände ausüben kann. Das macht glücklich. Aber das ist nur eine von vielen beeindruckenden Episoden.

Prof. Dr. Ralf Eisenbeiß © Kaspars Garda / Riga 2014
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